Momo und die grauen Herren
“ Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt.
Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“
aus dem Buch „Momo“ von Michael Ende
Das Mädchen Momo hat viel Zeit. Sie ist ganz allein auf der Welt, haust in einem alten Amphitheater und weiß nicht, wie alt sie ist. Vielleicht hundert, vielleicht hundertzwei? Sie weiß nur, dass sie immer schon da war. Und sie nimmt sich gerne die Zeit zuzuhören, wenn andere ihr was erzählen. Sie hat die Gabe, so gut zuzuhören, dass ihr jeder sein Innerstes offenbart. Alle lieben Momo.
Der Alltag ist schön für Momo. Sie braucht nicht viel zum Leben.
Doch plötzlich tauchen die grauen Herren auf. Sie machen den Menschen um Momo herum ein interessantes Angebot: Die Menschen sollen soviel wie möglich an Zeit sparen und diese bei der Zeitsparkasse für Zins und Zinseszins für einen langen Zeitraum anlegen. Unter dickem Zigarrenrauch erläutern die grauen Herren die Vorteile der gesparten Zeit.
In Momos Umfeld wird es turbulent. Jeder beginnt nach und nach hektisch zu werden. Keiner hat mehr Zeit für ein Gespräch. Der Friseurmeister schneidet die Haare von nun an in der Hälfte der Zeit und aus der Pizzeria, wo alle vorher gemütlich stundenlang beisammen saßen, wird ein Schnellimbiss. Beeil dich, Zeit ist Geld! Darum gehts!
Zeit ist Geld, Zeit ist Geld. Wir haben keine Zeit, Zeit zu vertrödeln!
Alles pressiert und je mehr sich die Leute abstrampeln und versuchen, ihre Termine zu erledigen und immer mehr Zeit zu sparen, umso einsamer und verschlossener werden sie. Je trauriger die Menschen werden, umso zahlreicher werden die grauen Herren und über dem Ort hängt tief der Zigarrenrauch.
Was vorher keiner weiß, die grauen Herren existieren gar nicht richtig. Sie leben durch die gestohlene Zeit der Menschen. Aus den gesparten Stunden werden die Stunden-Blumen hergestellt, daraus die Zigarren, die die grauen Herren rauchen. Solange die grauen Herren ihre Zigarren rauchen, bleiben sie existent.
Momo schafft es mit Hilfe des Meisters Hora, der die Zeit für eine Stunde anhält, die gestohlenen Stunden-Blumen aus dem Tresor der grauen Herren zu retten und den Menschen zurück zu geben. Ohne Stunden-Blumen keine Zigarren und damit kein Überleben, die grauen Herren lösen sich in Luft aus. Die Zeitblase ist geplatzt.

Zeit und Arbeit
Die Zeit vergeht, immer, ständig, jeder Augenblick geht vorbei und ist nicht mehr. Jede Sekunde ist vorbei und kehrt nicht wieder.
Wir arbeiten die meiste Zeit des Tages in Berufen, die wir eigentlich nicht ausüben wollen, hetzen nach Feierabend zu weiteren Terminen und erledigen nebenher Einkäufe, Besorgungen und Botendienste. Dazu kommen Freizeitbeschäftigungen, Sport und Hobbys, nicht rasten, immer machen und tun. Wir sind ständig auf der Jagd nach Erlebnissen und dem Besonderen.
Sogar im Urlaub sind wir produktiv. Wir suchen uns besondere Ziele, besondere Orte. Wir stellen Bilder in digitale Netzwerke, erzählen spannende Geschichten, damit alle unsere Freunde sehen und hören, wir verschwenden keine Zeit unnütz, wir nutzen sie sinnvoll.
Früher
Die einfachen Menschen machten sich in der Vergangenheit nicht so viele Gedanken über die Zeit an sich. Jeder Tag hatte seine eigene Plage und es war wichtiger, Essen auf dem Tisch, ein Dach über dem Kopf und Kleidung zu haben. Jeder Tag verging monoton wie der Nächste, ist halt so!
Im Laufe der Industrialisierung leisteten die Arbeiter in den Fabriken täglich für 12 bis 14 Stunden Schwerstarbeit. Ohne Arbeit kein Geld und damit kein Überleben. Sich Gedanken über die vergangene Zeit zu machen wurde von den Alltagsproblemen verdrängt.
Diese Ausbeutung der Arbeiterklasse erzürnte Karl Marx und im Jahr 1844 veröffentlichte er seine Gedanken dazu in seinen „Gesammelten Schriften“. In „Recht auf Arbeit“ erläuterte er, dass jedem ein Grundrecht auf Arbeit zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes zustehe.
Jedoch würden statt 12 Stunden Tagesarbeitszeit auch 6 Stunden ausreichen. Damit wäre der Lebensunterhalt des Arbeiters gesichert. Die Zeit darüber hinaus würde nur das Konto und den Besitz des Arbeitgebers vermehren. Ohne dass selbiger einen Arbeitseinsatz erbringt. Eine leistungslose Vermehrung seines Vermögens also, die Ausbeutung des Proletariats.
Friedrich Nietzsche definierte es so:
„Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch in Sklaven und Freie, denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave.“
Karl Marx‘ Schwiegersohn, Paul Lafargue ging sogar noch einen Schritt weiter in seinen Gedanken. Im Jahr 1880 veröffentlicht er sein Pamphlet „Recht auf Faulheit“ und ist darin erschüttert über die Gier der Arbeiter nach Arbeit:
„Die kapitalistische Moral, diese jämmerliche Karikatur der christlichen Moral, belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem Bann. Ihr Ideal ist es, den Produzenten auf ein absolutes Minimum an Bedürfnissen zu reduzieren, seine Vergnügungen und seine Leidenschaften zu unterdrücken und ihn zur Rolle einer Maschine zu verurteilen, die ohne Rast und ohne Dank Arbeit ausführt.“
Kurz gesagt, genau wie sein Schwiegervater ist der der Meinung, dass die Menschen an der Arbeit kaputt gehen und als Ware Mensch ge-/-missbraucht werden.
Seiner Ansicht nach reichen drei Stunden Arbeit pro Tag aus, der Rest des Tages sollte mit faulenzen und feiern verbracht werden. Die Menschen wären dadurch ausgeglichener und könnten sich mehr den schönen Künsten widmen. Bereits damals gab es also schon Überlegungen zu einer ausgeglichenen Work-Life-Balance.
Aber als gebildeter Bürger in einem schönen Salon Reden schwingen oder als Arbeiter in einer Armensiedlung täglich schuften, um das Überleben zu sichern – sind halt zweierlei Paar Schuhe.
Die Oberen haben es schön und die Unterschicht darf schuften
Im Mittelalter bestand das Leben eines Burgritters – wenn keine Fehde oder kriegerische Unterstützung seines Lehnherren anstand – aus den Freuden der Jagd und Festbanketten mit Tanz und Unterhaltung durch Minnesängern und Gauklern, die von Burg zu Burg zogen.
Die Bevölkerung, die unter den Grundherren lebte, waren Leibeigene des Burgherren und diesem ausgeliefert. Die Menschen mussten schwer arbeiten, hatten das zu Essen, was der Boden hergab und jeder Winter war eine Herausforderung. Sie konnten nicht lesen und schreiben, galten als unsauber und waren demütige Untertanen. Ihre Kleidung bestand aus kratzender Schafwolle.
Ein Aristokrat im 19. Jahrhundert hatte zur damaligen Zeit ein schönes entspanntes Leben. Der Tagesablauf bestand meist aus spätem Aufstehen, Besuche im Salon empfangen, Briefe schreiben, nachmittags im Park flanieren und abends auf eine Abendgesellschaft gehen.
Die nichtadelige Bevölkerung im 19. Jahrhundert lebte auf Bauernhöfen oder wohnte in den Städten in Mietshäusern mit Ein-Zimmer-Wohnungen mit engen Hinterhöfen und schmalen Gassen.
Die Industrialisierung begann, mehr und mehr Arbeitskräfte wurden benötigt, die Arbeiterklasse entstand. Und damit begann, was wir heute allgemein als Zeitalter des Kapitalismus bezeichnen.
Zeitmanagement oder nutze den Tag im 21. Jahrhundert
Arnold Schwarzenegger bezeichnet sich als Mitglied des 5AM Clubs.
Es handelt sich um keine Vereinigung im Sinne eines Vereins, sondern um eine geistige Zugehörigkeit einer Idee, die der Schriftsteller Robin Sharma in einem Buch veröffentlicht hat.
Die Unterstützer dieser Idee stehen um 5 Uhr morgens auf und nutzen den Tag intensiv, indem sie die erste Stunde nach dem Erwachen für sich selbst beanspruchen. Egal ob mit Sport, Meditation, Lesen eines Buches, Sinn der Sache ist die Konzentration auf sich selbst.
Arnold Schwarzenegger nutzt diese Stunde für sein Fitnesstraining und setzt sich erst danach an seinen Schreibtisch und startet in den Tag.
Mark Wahlberg und Richard Branson sind ebenso überzeugte Mitglieder des 5AM Clubs.
Elon Musk zählt hier schon fast als Langschläfer. Der Milliardär steht erst um 7 Uhr morgens auf. Dafür verzichtet er auf Frühstück und zieht seinen Arbeitstag streng durch. Angeblich kommt er auf eine 90-Stunden-Arbeitswoche. Nur Sonntags nimmt er sich frei und Zeit für die Familie.
Die Zeiten haben sich, wie es scheint, umgekehrt.
Wo früher die Oberschicht sich durch Müßiggang ausgezeichnet hat, haben wir im 21. Jahrhundert das Gegenteil.
Führungskräfte, Unternehmer, Visionäre streben nach ständiger Verbesserung. Ihr Status hängt von ihrer Fleissigkeit ab. Sie könnten jahrelange Auszeiten nehmen und faul sein, tun es aber nicht.
Die heutige Unterschicht zeichnet sich meist durch Herumlungern aus. Sie versteckt sich in Wohnungen mit riesigen Fernsehern in Sozialghettos. Arbeit, Bildung, Motivation wird nicht immer genügend genutzt, die monatliche Stütze reicht für Deckung der einfachen Bedürfnisse aus. Wer in diesem Milieu aufwächst, tut sich schwer, hier raus zu kommen.
Es scheint praktisch, von staatlicher Unterstützung zu leben und sich keine Gedanken über Arbeit zu machen. Frei nach dem Motto, Hartz4 und der Tag gehört dir.
Aber wenn du nichts zu tun hast, ist es uninteressant, faul zu sein.
Ist Faulheit gleich Freiheit?
Immanuel Kant sagt: „Faulheit ist der Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit“
Mit dem Begriff Faulheit verbinden die meisten von uns eine negative Auslegung.
Wer faul ist, ist unproduktiv, lebt unter seinen Möglichkeiten, leistet keinen Beitrag für die Allgemeinheit und könnte im schlimmsten Fall dieser auf der Tasche liegen.
Einfach gesagt, er verschwendet seine Zeit! Faul darf nur der sein, der sich seine Faulheit durch Arbeit vorher verdient hat.
Dann ist Faulheit eine Tugend.

Der Historiker und Philosoph Andre‘ Rauch ist der Meinung, jemand der faul ist, nimmt sich seine Freiheit.
„Wenn sie mir heute sagen, du bist faul, dann sage ich mir, er behandelt mich als Faulpelz, weil ich nicht tue, was er von mir will. Jemand der faul ist, nimmt sich seine Freiheit. Faulheit ist der höchste Grad der Freiheit: Ich tue nicht, was du von mir willst, ich tue, was ich für mich entscheide! Ah, du willst mich als deinen Knecht, als Sklaven, als Bediensteten! Will mich jemand manipulieren, wenn er mich als faul bezeichnet? Welchen Vorteil, welchen Nutzen will er aus seiner Beleidigung ziehen? Ich versetze mich in seinen Kopf und denke, er will, dass ich für ihn irgendetwas möglichst billig erledige oder in seinem Interesse ein Risiko eingehe. Aber nein, das wird nichts, ich bin nicht von dir abhängig.“
In unserer heutigen Leistungsgesellschaft ist Faulheit nicht gern gesehen. Die Nutzung unserer Lebenszeit muss immer einen Sinn ergeben. Ist Arbeit also die Tugend und Faulheit die Todsünde?
Darf ich nur dann faul sein, wenn ich mir die Zeit hierfür durch vorherige Arbeit verdient habe?
Und heute?
Wie bei Momo gibt es auch im wahren Leben die grauen Herren. Sie treten nur in anderer Gestalt auf. Sie verkleiden sich als Lehrer, Bankdirektoren, Versicherungsagenten oder Arbeitgeber.
Sie treiben uns an, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen. Keine Zeit verschwenden, nur nicht faul sein. Immer produktiv, ständig sich weiterbilden, dies fängt bereits bei unseren Kindern an.
Wir sollen arbeiten, um irgendwann viel später die Erlöse daraus mit Zins und Zinseszins zurück zu erhalten? In Form von Gehaltserhöhungen, Rentenauszahlungen, Ansehen und Statussymbolen. Wer rastet, der rostet!
Macht das ein erfülltes Leben aus?
Michael Ende schrieb in seinem Roman Momo:
„Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben.“

Zeit muss nicht immer sinnvoll genutzt werden. Nimm dir die Freiheit, heute faul zu sein!
Denn morgen bist du eh wieder im Hamsterrad unterwegs. Nur die Wenigsten von uns können jederzeit und ständig über ihre Zeit frei verfügen.
Beppo der Straßenkehrer rät Momo, sie muss unbedingt lesen und schreiben lernen, das ist wichtig. Und Momo antwortet, das ist so schwer, es gibt so viele Wörter. Das ist nicht zu schaffen.
Und der weise Beppo sagt:
„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang, das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du?
Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude, das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat es gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“
Beppo, der Straßenkehrer aus „Momo“ von Michael Ende
Wer den Film Momo ansehen möchte, und diesen in keiner Mediathek findet: unter https://www.vimeo.com/182277950 werdet ihr fündig
Faulheit – Todsünde oder Tugend? (deutschlandfunk.de) hier ist das ganze interessante Interview mit Andre Rauch zum Thema Faulheit
Die visionäre Kraft von „Momo“: Japans Graue Herren – Literatur – derStandard.de › Kultur Leopold Federmair zieht Parallelen zu den grauen Herren der Neuzeit

















